Der Figaro, der die Weltmeere bereiste

Coiffeur Kramer

| Ruth Hafner Dackerman

Der gelernte Coiffeur Fritz Kramer schneidet in seinem Salon jeden Samstag den Kunden die Haare. Die Räumlichkeiten sehen noch immer gleich aus wie seit der Eröffnung im Jahr 1934.

 

Von aussen deutet nur ein altes Schild darauf hin, dass hier im über 200 Jahre alten Gebäude mitten im Dorfkern ein Coiffeursalon beheimatet ist. Die Öffnungszeiten sind auf den Samstag beschränkt, denn Coiffeur Fritz Kramer lebt in Richterswil und nimmt den weiten Anfahrtsweg in sein Elternhaus nur einmal wöchentlich in Angriff. Von sieben Uhr morgens bis in den frühen Nachmittag - je nach Kundenandrang - steht er bereit, um Haare zu waschen, zu schneiden und Bärte zu stutzen. 79 Jahre alt ist Kramer inzwischen, doch von seinem Elan hat er nichts verloren. Während er beim Glattfelder Kunden Peter Zollinger sorgfältig die Schere ansetzt, erzählt er von früher. «Die Leidenschaft für meinen Beruf habe ich wohl von meinem Vater geerbt. 1934 eröffnete er hier in meinem Elternhaus seinen Coiffeursalon.» Schon als kleiner Junge habe er beim Einseifen helfen dürfen. Nach der Lehre bei Coiffeur Iten in Bülach habe es ihn nach St. Moritz und später nach Genf und London gezogen.

Als Schiffscoiffeur angeheuert

Im heimeligen Stübli verströmt der Kachelofen gemütliche Wärme. Postkarten an den Vitrinen zeugen von unzähligen zufriedenen Kunden, welche «ihrem» Coiffeur liebe Zeilen sendeten. Die Zeit scheint hier stehengeblieben zu sein. Zwei alte Waschtische, zwei abgewetzte Ledersessel, ein Kinderstuhl und Schränklein mit Handtüchern erzählen Geschichten – Geschichten von Kunden, von tiefgründigen Gesprächen, von Freuden und Leiden des Lebens. Fritz Kramer greift zu Föhn und Bürste, verpasst der Frisur von Kunde Peter Zollinger den letzten Schliff. «Drei schöne Jahre waren es, als ich als Schiffscoiffeur unter anderem von Southhampton über Las Palmas bis nach Australien und Neuseeland die Welt bereisen durfte», schwelgt er in Erinnerungen. Viele Damen habe er während dieser Zeit kennengelernt, und auch viele bedient, wie er schmunzelnd anfügt. Dass er auch seekrank wurde, trotzdem arbeiten musste und Pillen gegen die Seekranheit erhielt, erzählt er etwas weniger gern.

Die grosse Liebe auf den Bermudas gefunden

Auf den Bermudas traf er schliesslich auf die Liebe seines Lebens – Pauline, eine Engländerin. Nach der Heirat sei er mit seiner Frau wieder in die Schweiz zurückgekehrt, habe aber zwischenzeitlich kein grosses Interesse mehr am Haareschneiden gehabt. «Ich arbeitete als Lastwagenchauffeur und bin schliesslich bei der Bank Julius Bär in der EDV gelandet.» Drei Mädchen hat das Paar grossgezogen – das mittlere ist geistig und körperlich behindert. Der Schmerz hinter seinen Worten ist spürbar, doch schnell geht es wieder zurück in die Realität. Der Kunde will eingeseift werden, freut sich auf eine schöne, glatte Haut.

 

«Als mein Vater vor bald 50 Jahren die Gicht in den Händen bekam, half ich jeden Samstag im Salon. Der erste Kunde kam um 6 Uhr morgens, der letzte ging um 21 Uhr abends.» Einer davon habe immer der erste sein wollen, so hätten sich die Öffnungszeiten immer um eine Viertelstunde vorverschoben. «Meine Mutter strich morgens das Brot, und mittags kochte sie. Sobald die Türe ging, machte sie das Essen warm.» Oftmals sei es aber fünf Uhr nachmittags geworden, bis er endlich zum Essen kam.

Eifersüchtige Ehefrauen und ein Bier

Der Figaro greift zum Rasiermesser, schneidet Peter Zollinger gekonnt die Barthaare. «Natürlich gab es auch eifersüchtige Ehefrauen, die kontrollierten, ob ihr Mann wirklich beim Coiffeur war», erinnert er sich schmunzelnd. Geschätzt hat er auch die Gaben in Form von Kaffee oder Bier, welche von Kunden vorbeigebracht wurden. «Dann wurde nach dem Haareschneiden halt noch ein Bier getrunken.»

 

Nach zweimaligem Einseifen und zweifacher Rasur sieht Zollingers Gesicht aus wie ein Babypopo. Kunde und Figaro sind zufrieden. Bereits klopft der nächste Kunde an die Tür. «In zehn Minuten kannst du kommen», sagt Kramer, verteilt grosszügig After Shave – «ein wenig Schnaps» - und hält Zollinger den Spiegel hin. Dieser ist zufrieden. «Ich kenne Fritz schon seit meiner Jugendzeit. Dieser Salon ist für mich ein Stück Heimat. Ich werde ihm treu bleiben bis an mein Lebensende.»

 

Für Kramer ist es klar, dass er so lange weitermacht, wie die Gesundheit es zulässt. «Ich möchte diese Tradition weiterführen, mit all den persönlichen, tiefgründigen Gesprächen und den Freundschaften, die entstanden sind.»

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