Irgendwie verrückt

Glattgedanken

| Christian Ulrich

Da steht der junge Bauer Tobias Burren aus dem Weiler Liebewil (BE) nachts im Schlafzimmer mit seinem Baby im Arm und hört im Stall die Kuh rufen, welcher er das Kalb weggenommen hat. Und er spürt: «Nie im Leben könnte ich es ertragen, mein Kind nach sechs Monaten abgeben zu müssen. Und ich will auch nicht, dass das ein anderes Lebewesen muss.»

 

Die Reportage in «Das Magazin» Nr.42 vom 21. Oktober 2023 wühlt mich auf. Das tut sie auch mit Autor Christof Gertsch, wie ich ein moderater Fleischesser. Was Burren anstrebt, nennt sich «Postletale Landwirtschaft», eine Landwirtschaft, die ohne Töten auskommen will. Der Begriff wurde von Stefan Mann geprägt. Er ist Experte in diesem Bereich und entwirft in seinem kürzlich erschienenen Buch eine totale Reform unseres Agrarsystems. Aber – ist ein Bauer, der auf seinem Betrieb ohne Töten auskommen will, nicht irgendwie verrückt. So denken sicher die meisten Menschen, die in der Schweizer Landwirtschaft tätig sind.

 

Das Thema beschäftigt Gertsch sehr, auch weil er ganz direkt von der Absicht des jungen Bauern betroffen ist. Er hat nämlich für seine Familie seit einiger Zeit das Fleisch in Burrens Hofladen geholt. Und er zerrt in seiner Reportage einige Fakten ans Tageslicht, die wache, denkende Menschen nicht kalt lassen können:

 

Für den Schweizer Markt werden jährlich 85 Millionen Tiere geschlachtet, das sind zehn tote Tiere pro Kopf. – Der Fleischkonsum pro Kopf lag 2022 bei 51 Kilo (ohne Fische und Krustentiere), das ist rund ein Kilo Fleisch pro Woche. – Die Biomasse aller Nutztiere auf der Welt übertrifft bei weitem die Biomasse aller Menschen und wild lebenden Tiere. Ist das nicht Wahnsinn? Gertsch bilanziert: Wir leben im Zeitalter des Fleisches. – Aber Vater Burren hat Mühe mit den Plänen seines Sohnes: «Er meint, er allein müsse die Welt retten.»

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