Jugoslawien 1971

Glattgedanken

| Christian Ulrich

Wie schon mal erwähnt, tourte ich vor 50 Jahren ein halbes Jahr lang mit Töff und Zelt durch Europa. Wir waren zu viert auf zwei Motorrädern. Ich führte minutiös Tagebuch und kann heute aus der Distanz eines halben Jahrhunderts zurückblicken, auch auf einen Staat, den es nicht mehr gibt: Jugoslawien. Das Staatsgebilde existierte von 1918 bis 2003. Nach dem Balkankrieg zerfiel es in fünf Nationen.

 

Bei unserer Einreise von Italien her fiel uns beim Grenzübergang nahe bei Triest der starke Einkaufstourismus auf. Zwei jugoslawische Supermärkte wurden von italienischen Kaufwütigen regelrecht überrannt. – Im heutigen Kroatien zeichnete sich der beginnende Touristenboom bereits ab. Die Campingplätze an der Küste waren wesentlich teurer als jene in Italien oder Spanien. Wenn man ins Landesinnere fuhr, glaubte man sich ins Mittelalter zurückversetzt: Lausige Naturstrassen, erbärmliche Hütten, mit Schindeln oder Stroh bedeckt. – Beim Herumkraxeln in einer Burgruine im heutigen Bosnien-Herzegowina stiessen wir auf einen etwa 50jährigen Mann mit einer Aktenmappe. Wir kamen mit ihm auf Deutsch ins Gespräch und begannen zu politisieren. Er äusserte sich sehr besorgt über die Zukunft der Nation Jugoslawien; sie sei sehr zerstritten. Die Wirtschaft der einzelnen Landesteile werde unabhängig voneinander ausgebaut, und vor allem Kroatien dränge auf Selbständigkeit. Es sei äusserst ungewiss, ob nach dem Abgang von Tito das Land geeint bleibe. – Sobald man die Küste verliess, wurden die Campingplätze sehr rar. Einmal nächtigten wir bei Bauersleuten, die kein fliessendes Wasser im Haus hatten, es am Brunnen im Hof heraufpumpen mussten. Ihr „WC“ bestand aus einem viereckigen Bretterverschlag auf zwei Planken überm Miststock. Aber, wir hatten unser Zelt kaum aufgestellt, überraschte uns die Hausfrau mit einer Käseplatte.

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